LTV organisiert Wheelmap-Day am Gymnasium

Wheelmap ist eine Online-Karte zum Suchen und Finden rollstuhlgerechter Orte. Wie bei Wikipedia kann jeder mitmachen und öffentlich zugängliche Orte entsprechend ihrer Rollstuhlgerechtigkeit  markieren – weltweit. 2010 ging die Wheelmap erstmals an den Start. 2017 wurde die Marke von 750.000 Eintragungen geknackt. Auf der bunten Wheelmap-Karte war Lemwerder bisher ein grauer Fleck – seit dem vom LTV organisiertem Wheelmap-Day am Gymnasium ist Farbe im Spiel.

Lemwerder wird bunt – mit dieser Idee startete LTV-Jugendwart Michael Lühmann das Projekt. Damit aus der Idee Realität werden konnte, war aber eine Menge Vorarbeit notwendig. „Rollstuhlgerechtigkeit kann man mit einem Zollstock definieren. Rollstuhlgerechtigkeit sollte man aber besser mit den Sinnen erleben.“, so Lühmann zu den organisatorischen Herausforderungen.

Diese konnten mit Hilfe des Bremer Sanitätshauses Martens gemeistert werden. „Das Sanitätshaus Martens hat bei der Projektvorstellung spontan zugesagt, unentgeltlich mit 20 Rollstühlen und 20 Rollatoren zu unterstützen.“, war Lühmann dankbar über das uneigennützige Sponsoring. Ein ebenso großes Dankeschön ging an das Sanitätshaus Wiggers aus Oldenburg. „Wiggers ist in unserer Region sehr eng dem Rollstuhlsport verbunden. Der LTV sagt Danke für die vielen unentgeltlich zur Verfügung gestellten Sportrollstühle.“ Sowie die kompetenten Informationen des Wiggers-Mitarbeiters Andreas Einemann. Von ihm erfuhren die Schüler, wie sich Sportrollstühle von Straßenrollstühlen unterscheiden und warum ein Sportrollstuhl rund 4500,- € kostet. „Ein Rollstuhl ist wie ein Maßanzug. Es geht aber nicht um Chic, sondern um optimale Anpassung zur Vermeidung von Fehlhaltungen und Druckstellen.“ Mit den Sportrollstühlen war Action in der Ernst-Rodiek-Halle angesagt: Basketball, Handball und Badminton – sehr eindrucksvoll konnten die Kids erleben, dass man trotz Handicap intensiven Sport betreiben kann.

Dass aber speziell in Lemwerder Rollstuhlfahrer nicht einfach Zugang zu den Sportstätten finden, mussten sie ebenso deutlich feststellen. Ohne fremde Hilfe lassen sich in der Ernst-Rodiek-Halle für einen Rollstuhlfahrer und auch für Gehbehinderte mit Rollatoren und Unterarmgehstützen weder die Eingangstür noch die Zwischentüren öffnen. Da nur ein Lasten- und kein Personenaufzug existiert, können Menschen mit Handicap nicht in die oberen Räume gelangen. Das barrierefreie WC wurde für den Projekttag geöffnet, ist aber in der Regel an anderen Tagen verschlossen. Bei der gerade erst sanierten Ernst-Rodiek-Halle gibt es daher noch Verbesserungsmöglichkeiten so ein Ergebnis des Tages. Vielleicht macht es Sinn, zukünftig nicht nur Fachleute, sondern vor allem auch Nutzer in Planungen mit einzubeziehen. Michael Lühmann freute sich, dass mit Günter Naujoks und Werner Ammermann gleich zwei Ratsmitglieder seiner Einladung zur Projektteilnahme gefolgt waren. Sie nutzen die Gelegenheit, um sich selbst ein Bild zum Thema Barrierefreiheit in der Gemeinde zu machen.

Aber es gab auch ein positives Resumee der Schüler, nachdem sie mit Rollstühlen und Rollatoren den Ort erkundet hatten. Breite Gänge in den Supermärkten, keine Stolperfallen in den Eingängen der Geschäfte, viele Rampen – dem Thema Barrierefreiheit wurde unter Lemwerders Gewerbetreibenden bereits viel Aufmerksamkeit geschenkt. Bestätigt wurden sie in ihrem Urteil von „erfahrenen“ Rollifahrern. Michael Lühmann hatte ein Team engagiert, das die Gymnasiasten begleitete. Zu ihnen zählte die Wheelmap-Botschafterin Kassandra Ruhm, Dachdeckermeister Andreas Kasprowisch – querschnittgelähmt nach einem Arbeitsunfall  - und die mehrfache Paralympicssiegerin Kirsten Bruhn. Gold über 100m-Brust in Sydney, Peking und London, mehrfache Welt- und Europameisterin, Sportlerin des Jahres, Bambi-Preisträgerin, ZDF-Co-Kommentatorin – so Kirsten Bruhns beeindruckende Vita.

Kirsten Bruhn, seit einem Motorradunfall auf einen Rollstuhl angewiesen, veranschaulichte, dass was sich nach einem unbeschwerten Leben anhört nicht unbedingt der Realität entsprechen muss. Sie erzählte den Schülern offen aus ihrem Leben, der Schwierigkeit, nach einem Unfall körperlich aber vor allem mental wieder in den Alltag zurückkehren zu können. „Es kommt durchaus vor, dass gutgemeinte Hilfsangebote einfach nur nerven. Trotz Handicap möchte ich mein Leben selbstbestimmt führen.“ Mit den eigenen Sinnen konnten die Schüler erfahren, wie schwer es ist, trotz Barrierefreiheit ohne Hilfen zurechtzukommen und wieviel Training dafür notwendig ist. Der Weg von der Schule zur Fähre – für Kirsten Bruhn kein Problem, die jungen Rollstuhl-Tester benötigten schon nach 200m die Schubkraft der Mitschüler.

Kirsten Bruhn war begeistertet vom LTV-Engagement und der Motivation der Schüler. „Ich komme auf jeden Fall  für ein von Michael organisiertes Projekt wieder.“  Ein Kompliment, dem sich der LTV verpflichtet fühlt.